Timmermannshof 1940

Der Timmermanns-hof

Vom Theissenhof zum Timmermannshof: Ein Hof mit wechselvoller Geschichte

Der Timmermannshof in Hinsbeck-Oirlich hat im Laufe seiner Geschichte viele Aufgaben erfüllt. Er war landwirtschaftlicher Betrieb und Kornbrennerei, beherbergte später eine Gaststätte und einen Kolonialwarenladen und wurde zum Ausgangspunkt großer Hinsbecker Familienlinien. Selbst sein heute vertrauter Name ist vergleichsweise jung.

Standort:
Oirlich 22
41334 Nettetal-Hinsbeck

Frühere Nutzungen:
Landwirtschaft, Kornbrennerei, Gaststätte und Kolonialwarenladen

Besonderheiten:
Drei aus Beton gefertigte Pferdeköpfe schmücken die Hofanlage

Der Timmermannshof in Hinsbeck-Oirlich

Alte Bauernhöfe waren früher weit mehr als landwirtschaftliche Betriebe. Sie waren Arbeitsorte, Wohnhäuser, Treffpunkte und manchmal auch kleine wirtschaftliche Zentren für die Nachbarschaft. Der Timmermannshof ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel.

Neben der Landwirtschaft wurde auf dem Hof zeitweise Korn gebrannt. Später kamen eine typische Bauerngaststätte mit kleinen Speisen und ein Kolonialwarengeschäft hinzu. Gleichzeitig ist der Hof eng mit der Geschichte der in Hinsbeck weit verbreiteten Familien Dammer und Timmermanns verbunden.

Der ursprüngliche Theissenhof

Timmermannshof 1940
Der Timmermannshof 1940 | Foto: Heinz Koch

Auf der Hinsbecker Landkarte von 1768 ist an der Stelle des heutigen Timmermannshofes ein kleiner Hof mit zwei Gebäuden eingezeichnet. Er trug damals den Namen „Theissenhof“.

Die Bezeichnung ging vermutlich auf einen früheren Besitzer namens Matthias zurück. Aus „Theis sine Hoaf“, also „Theis sein Hof“, entwickelte sich der Name Theissenhof. Bis 1810 befand sich der Hof im Besitz von Mitgliedern der Familie Rütten.

Agnes Rütten heiratete 1764 Michael Holthausen von der Neustraße. Nach der Hochzeit lebte das Paar auf dem Hof im Oirlich. Michael Holthausen führte dort auch seine Kornbrennerei weiter. Damit begann schon früh die Verbindung von Landwirtschaft und zusätzlichem Gewerbe.

Ein Neubau aus dem Jahr 1804

Um 1800 übernahm Lucia Holthausen, eine Tochter von Agnes und Michael Holthausen, gemeinsam mit ihrem Ehemann Egidius Johannes Bongartz aus Lobberich den Hof.

Die alten Gebäude wurden abgebrochen und 1804 durch den heutigen Hof ersetzt. An diesen Neubau erinnern die Jahreszahl 1804 und mehrere Buchstaben an der Giebelwand. Die Initialen „M · H“ stehen für Michael Holthausen. Die Buchstaben „E · J · B · L · H“ verweisen auf die damaligen neuen Besitzer Egidius Johannes Bongartz und Lucia Holthausen.

Damit erzählt bereits der Giebel des Hauses einen Teil seiner Familiengeschichte.

Ausgangspunkt der Hinsbecker Familie Dammer

Auf Lucia Holthausen und Egidius Bongartz folgte deren Tochter Maria Agnes Bongartz. Sie heiratete Peter Mathias Dammer aus Lobberich.

Mehrere ihrer Söhne übernahmen später große Höfe im Glabbach und im Oirlich. Die Familie wurde dadurch zum Ausgangspunkt einer umfangreichen Hinsbecker Dammer-Linie. Der heutige Timmermannshof ist somit nicht nur als Gebäude, sondern auch für die Familiengeschichte des Ortes von Bedeutung.

Landwirtschaft, Gaststätte und Kolonialwarenladen

Im Jahr 1908 wurde der Theissenhof an den Nachbarn Egidius Timmermanns verkauft. Bis dahin hatte er mit seiner Familie auf dem kleineren Freddrixhof im Oirlich gelebt.

Seine Frau Emilie Brasseler betrieb dort bereits seit 1893 eine Gaststätte. Nach dem Kauf wurde diese auf den Theissenhof verlegt. Einige Jahre später eröffnete die Familie zusätzlich ein Kolonialwarengeschäft.

Solche Geschäfte boten neben Lebensmitteln zahlreiche Waren des täglichen Bedarfs an. Für die Menschen in den umliegenden Honnschaften waren sie wichtige Anlaufstellen. Der Hof wurde damit neben dem landwirtschaftlichen Betrieb auch zu einem Ort, an dem man einkaufte, einkehrte und Neuigkeiten austauschte.

Von den zehn Kindern des Ehepaares Egidius und Emilie Timmermanns erreichten sieben das Erwachsenenalter. Mehrere von ihnen heirateten auf andere große Höfe in Hinsbeck und Wankum ein. Die Tochter Katharina blieb gemeinsam mit ihrem unverheirateten Bruder Leonhard auf dem Hof. Landwirtschaft, Gaststätte und Laden wurden zunächst weitergeführt.

„Leinhard“ Timmermanns und die ungewöhnliche Schweinerate

Leonhard, im Ort als „Leinhard“ bekannt, galt als echter Hinsbecker „Jüüt“ und war für seinen besonderen Humor bekannt. Eine Geschichte machte ihn sogar über Hinsbeck hinaus bekannt.

Im Januar 1954 hatte er ein Stück Land gekauft. Als Bezahlung wurde eine ungewöhnliche Vereinbarung getroffen: Zehn Jahre lang sollte jährlich ein fettes Schwein mit einem Schlachtgewicht von mindestens 100 Kilogramm geliefert werden.

Als die letzte Rate fällig war, ließ sich Leinhard Timmermanns neben dem geschlachteten Schwein fotografieren – mit einem Gewehr in der Hand und entsprechend martialischer Haltung. Das Bild erschien 1963 in der Presse.

Der Eindruck war allerdings inszeniert. Tatsächlich war das Schwein nicht von ihm erschossen, sondern ordnungsgemäß vom Hinsbecker Schlachter Jakob Winkels geschlachtet worden.

Die Pferdeköpfe am Timmermannshof

Neben seinem Humor war Leinhard Timmermanns vor allem für seine Liebe zu Pferden bekannt. Diese Leidenschaft hinterließ auch sichtbare Spuren am Hof.

In den Nachkriegsjahren ließ er drei aus Beton gefertigte Pferdeköpfe am Gebäude anbringen. Die ausdrucksstarken Darstellungen stammten aus der damals abgebrochenen Hauderei der Firma Niedieck.

Die Pferdeköpfe wurden zu einem besonderen Erkennungsmerkmal des Hofes und erinnern bis heute an seinen pferdebegeisterten Bewohner.

1972 kam Leinhard Timmermanns beim Überqueren der Bundesstraße 509 am Hübeck ums Leben. Den Hof erbte seine Schwester Katharina Druyen, später ging er an deren Sohn Leo über. Da Leo unverheiratet blieb, wurde die landwirtschaftliche Nutzung nach und nach eingestellt. Die zum Hof gehörenden Flächen wurden schließlich verpachtet.

Wie aus dem Theissenhof der Timmermannshof wurde

Der heute geläufige Name „Timmermannshof“ entstand erst im Jahr 1995. Damals fand im Oirlich erstmals die Aktion „Erlebniswelt Landleben“ statt.

Damit Besucherinnen und Besucher die beteiligten Höfe erkennen konnten, wurden diese mit Schildern versehen. Eigentlich hätte der Hof dabei seinen historischen Namen Theissenhof tragen können. Dieser war zu diesem Zeitpunkt allerdings selbst vielen Bewohnern des Oirlichs kaum noch bekannt.

Deshalb entschied man sich für den Namen der Familie, die den Hof seit Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt hatte: Aus dem Theissenhof wurde für die Aktion der Timmermannshof. Unter dieser Bezeichnung ist das Anwesen bis heute bekannt.

Ein Stück Oirlicher Alltagsgeschichte

Die Geschichte des Timmermannshofes zeigt, wie häufig sich alte Bauernhöfe den Bedürfnissen ihrer Zeit anpassen mussten. Landwirtschaft, Brennerei, Gaststätte und Laden bestanden zeitweise nebeneinander und machten den Hof zu einem wichtigen Ort für die Menschen in der Umgebung.

Auch seine verschiedenen Namen erzählen Geschichte. Der Theissenhof erinnert an frühe Besitzer und jahrhundertealte niederrheinische Namensformen. Der Timmermannshof steht für die Familie, die das Gebäude und das Leben dort über viele Jahrzehnte prägte.

So ist der Hof ein Stück Oirlicher Alltags-, Familien- und Wirtschaftsgeschichte – und ein Beispiel dafür, wie viel sich hinter den Mauern eines alten Bauernhauses verbergen kann.

Quellen und weiterführende Informationen zum Timmermannshof

Historische Hauptquelle

Heinz Koch: „Hof mit wechselvoller Geschichte. Der Timmermannshof in Hinsbeck-Oirlich hatte verschiedenste Nutzungen.“ Grundlage für die Geschichte des früheren Theissenhofes vom 18. Jahrhundert bis zur Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung. Interne Quelle, nicht öffentlich online verfügbar.

Stadt Nettetal: Liste der eingetragenen Baudenkmäler der Stadt Nettetal, Denkmal Nr. 162, Oirlich 22, Eintragung vom 10. April 1989. Online unter: https://www.nettetal.de/system/files/2023-08/Baudenkm%C3%A4ler%20in%20Nettetal%202010.pdf

Bildnachweis

Titelbild: Der Timmermannshof 1940 | Foto: Heinz Koch

Alle Internetquellen zuletzt abgerufen am 28. Juli 2026.