Radfahrverein „Staubwolke“ Hinsbeck – als der Niederrhein das Rennrad entdeckte
Heute gehört das Fahrrad am Niederrhein beinahe so selbstverständlich zum Landschaftsbild wie Kopfweiden, Felder und die eine oder andere überraschende Steigung. Vor gut 100 Jahren war das Radfahren allerdings weit mehr als eine gemütliche Freizeitbeschäftigung. Das Fahrrad stand für Beweglichkeit, technischen Fortschritt und sportlichen Ehrgeiz. In diese Zeit fiel die Gründung eines Vereins, dessen Name bereits deutlich machte, dass man es in Hinsbeck nicht langsam angehen wollte: der Radfahrverein Staubwolke.
25 Männer und eine sportliche Idee
Ende Februar 1922 fanden sich in Hinsbeck 25 Männer zusammen und gründeten einen eigenen Radfahrverein. Zum ersten Vorsitzenden wurde Peter Kall gewählt. Der neue Verein war Teil einer regelrechten Radsportbewegung, die damals den gesamten Kreis erfasste. Auch in Lobberich, Grefrath und Kaldenkirchen entstanden Vereinigungen, in denen gemeinsam trainiert, gefeiert und natürlich um die schnellsten Zeiten gefahren wurde.
Der Name „Staubwolke“ dürfte dabei durchaus zur Realität gepasst haben. Viele Straßen waren noch nicht so befestigt wie heute. Wer mit Tempo über die Strecken rund um Hinsbeck fuhr, hinterließ vermutlich tatsächlich eine sichtbare Spur.
Das erste Rennen ließ nicht lange auf sich warten
Kaum ein halbes Jahr nach der Vereinsgründung organisierte die „Staubwolke“ bereits ihr erstes großes Straßenrennen. Im August 1922 gingen sowohl Hinsbecker Vereinsmitglieder als auch Fahrer befreundeter Vereine an den Start. Die Strecke war 33 Kilometer lang – für damalige Fahrräder, Straßenverhältnisse und Kleidung eine durchaus anspruchsvolle Angelegenheit.

Gefahren wurde in verschiedenen Altersklassen. Bei den jüngeren Teilnehmern waren Matthias Görtz aus Hinsbeck und Karl Sartingen aus Grefrath erfolgreich. In der Seniorenwertung standen Jakob Zetzen aus Hinsbeck, Johann Weyers aus Grefrath und Willi Erens aus Lobberich ganz vorne.
Mit der Zieldurchfahrt war der Veranstaltungstag allerdings noch lange nicht beendet. Am Abend trafen sich Fahrer, Vereinsmitglieder und Gäste im Saal Hartogs, dem späteren Alt-Hinsbeck. Dort wurde gefeiert, getanzt und weiterer Radsport geboten. Beim Kunst- und Reigenfahren ging es nicht allein um Geschwindigkeit, sondern ebenso um Geschicklichkeit, Körperbeherrschung und möglichst eindrucksvolle Formationen auf dem Rad.
Auch im folgenden Jahr veranstaltete der junge Verein wieder ein Rennen. Erneut kamen Teilnehmer aus Hinsbeck und den umliegenden Orten zusammen. Die „Staubwolke“ hatte sich innerhalb kürzester Zeit einen festen Platz im regionalen Radsportleben erarbeitet.
Fahrrad war nicht gleich Fahrrad
Wie groß die technischen Unterschiede zwischen den damaligen Rädern sein konnten, zeigte ein Rennen des Lobbericher Radfahrvereins im Jahr 1922. Die mehr als 50 Kilometer lange Strecke führte vom Bereich Tiefenbach über Hinsbeck, Krickenbeck, Leuth, Kaldenkirchen, Breyell, Süchteln, Vorst, Kempen, Mülhausen und Grefrath zurück zum Ausgangspunkt.
Die 42 Fahrer wurden nicht nur nach ihrem Alter, sondern auch nach der Bereifung ihrer Räder eingeteilt. Es gab Fahrräder mit Wulstreifen, Drahtreifen und Schlauchreifen. Damit die technisch schwächeren Räder eine Chance hatten, starteten die einzelnen Gruppen mit mehreren Minuten Abstand.
Der Vorsprung hielt jedoch nicht lange. Bereits ungefähr zur Hälfte des Rennens hatten die Fahrer mit den moderneren Schlauchreifen die früher gestarteten Gruppen eingeholt. Das Rennen war damit nicht nur ein sportlicher Wettkampf, sondern zugleich ein ziemlich anschaulicher Vergleich unterschiedlicher Fahrradtechnik.
Gemeinsam mit den Vereinen der Region
Die Radsportvereine beschränkten sich nicht auf ihre jeweiligen Heimatorte. Im März 1924 schlossen sich zahlreiche Clubs zum Radsportverband des Grenzlandgaues zusammen. Neben der Hinsbecker „Staubwolke“ gehörten unter anderem Vereine aus Lobberich, Grefrath, Kempen, Oedt, St. Tönis und Süchteln dazu.
Die Vereinsnamen klangen dabei fast wie ein kleines Programm für Geschwindigkeit und Ausdauer: „Wind“, „Immer schnell“, „All Heil“, „Rheinland“ oder „Germania“. Den Vorsitz des neuen Verbandes übernahm Herr Schöny aus Lobberich. Peter Kall, der Vorsitzende der Hinsbecker „Staubwolke“, wurde ebenfalls in den Vorstand berufen. Hinsbeck war damit auch organisatorisch im regionalen Radsport vertreten.
Inflation, Standartenweihe und Blumenkorso
Die wirtschaftlich schwierigen Jahre machten auch vor dem Vereinssport nicht halt. Wegen der Folgen der Inflation konnten 1924 offenbar keine Rennen ausgetragen werden. In den folgenden Jahren nahm der Verein seinen Veranstaltungsbetrieb jedoch wieder auf und organisierte regelmäßig Wettbewerbe.
Einen besonderen Höhepunkt erlebte Hinsbeck beim Stiftungsfest 1925. Der Verein verband das Fest mit der Weihe seiner Standarte – für einen jungen Verein ein bedeutendes Zeichen von Zusammengehörigkeit und Selbstbewusstsein.
Aus dem gesamten Kreis kamen Radsportler zu einem sogenannten Bundessternfahren nach Hinsbeck. Dabei reisten die Teilnehmer aus verschiedenen Richtungen an und trafen sich am gemeinsamen Zielort. Zusätzlich wurde ein Blumenkorso veranstaltet, bei dem geschmückte Fahrräder präsentiert und prämiert wurden.
So traf sportlicher Ehrgeiz auf Festzug, Vereinsstolz und niederrheinische Feierfreude. Man kann sich gut vorstellen, dass an diesem Tag nicht nur Reifen über Hinsbecks Straßen rollten, sondern auch zahlreiche Menschen am Straßenrand standen, um die Fahrer und ihre geschmückten Räder zu begrüßen.
Das Ende kam ohne Abschiedsrennen
Wann genau sich der Radfahrverein Staubwolke auflöste, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die letzte bislang bekannte Nachricht stammt aus dem Juli 1929. Damals sollte der Hinsbecker Verein die Bezirksmeisterschaften des Bezirks Kempen im Bund Deutscher Radfahrer organisieren.
Das Wetter machte den Veranstaltern jedoch offenbar einen Strich durch die Rechnung. Starker Regen dürfte dafür gesorgt haben, dass die Meisterschaft nicht wie vorgesehen durchgeführt werden konnte.
Danach verliert sich die Spur der „Staubwolke“. Auch über die Radsportvereine der Nachbarorte erschienen in den folgenden Jahren kaum noch Meldungen. Vermutlich kam das organisierte Vereinsleben des regionalen Radsports nach und nach zum Erliegen.
Eine kurze, aber bemerkenswerte Vereinsgeschichte
Der Radfahrverein Staubwolke bestand wahrscheinlich nur wenige Jahre. Dennoch erzählt seine Geschichte viel über das Hinsbeck der 1920er Jahre. Das Fahrrad war nicht bloß ein Verkehrsmittel. Es brachte Menschen zusammen, weckte sportlichen Ehrgeiz und verband die Orte der Region miteinander.
Die Mitglieder organisierten Rennen, besuchten Veranstaltungen benachbarter Vereine, beteiligten sich am Aufbau eines regionalen Verbandes und machten aus Wettkämpfen zugleich große gesellschaftliche Ereignisse. Dazu gehörten Musik und Tanz ebenso wie Standarten, geschmückte Fahrräder und gemeinsame Ausfahrten.
Der Verein ist heute verschwunden. Geblieben ist die Erinnerung an eine Zeit, in der sich 25 Hinsbecker zusammentaten, um auf zwei Rädern etwas Neues zu beginnen – und dabei ihrem Verein einen Namen gaben, den man auch nach mehr als einem Jahrhundert nicht so schnell vergisst.
Quelle:
Heinz Koch: „Der Radfahrverein ‚Staubwolke‘ Hinsbeck (1922–ca. 1930)“. Der Text enthält die Angaben zur Vereinsgründung, zu den Straßenrennen, zum Grenzlandgau, zum Stiftungsfest von 1925 und zur letzten bekannten Veranstaltung im Jahr 1929.
