Fast vom Grün verschluckt: Die Bonifatiuskapelle an der Karstraße

Bonifatiuskapelle Hinsbeck | Wer heute an der Karstraße unterwegs ist, entdeckt an einer Weggabelung ein kleines Heiligenhäuschen aus Backstein. Vor der Kapelle stehen Bänke, das Gelände ist offen gestaltet und lädt Wanderer und Radfahrer zu einer Pause ein.

Noch vor wenigen Jahren bot sich hier ein völlig anderes Bild: Bäume und Sträucher hatten die kleine Kapelle beinahe vollständig überwuchert. Selbst die davorstehenden Bänke waren im Grün verschwunden. Ein Bauwerk, das seit 1747 zur Hinsbecker Landschaft gehört, drohte allmählich unsichtbar zu werden.

Standort:
Karstraße am Abzweig zum Tellerweg
41334 Nettetal-Hinsbeck

Ursprüngliche Widmung: vermutlich dem
heiligen Antonius
Heutige Widmung: heiliger Bonifatius

Besonderheiten:
Historische Wegekapelle mit Rastplatz
Baujahr 1747

Ein kleines Bauwerk mit langer Geschichte

Errichtet wurde die Kapelle im Jahr 1747 vom damaligen Besitzer des an der Karstraße gelegenen Tellerhofes. Bereits auf einer Landkarte aus dem Jahr 1768 ist sie als „Teller Capell“ eingezeichnet. Im Jahr 1867 wurde sie als „Tellerheiligenhäuschen“ bezeichnet.

Der Name verweist auf die Familie Teller, die über lange Zeit mit dem Hof und der Kapelle verbunden war. Über Casper und Johannes Teller gelangte der Besitz 1826 durch die Heirat von Elisabeth Teller mit Arnold Karemakers an die Familie Karemakers.

Nach dem Tod des Ehepaares wurde der Tellerhof 1875 versteigert. Den landwirtschaftlichen Hof erwarb Wilhelm Hüpen. Den größten Teil der zugehörigen Ackerflächen kauften Bauern aus der Nachbarschaft.

Mit einem dieser Grundstücke kam auch die Kapelle in den Besitz des heutigen Karemakershofes an der Voursenbeck. Im Jahr 1934 heiratete der Landwirt Mathias Pasch die Hoferbin Maria Lendackers. Der Karemakershof wird heute in vierter Generation von der Familie Pasch geführt.

Damit blieb die kleine Kapelle trotz der Veränderungen rund um den ursprünglichen Tellerhof über Generationen hinweg mit einem landwirtschaftlichen Hof und seinen Bewohnern verbunden.

Ursprünglich wohl eine Antoniuskapelle

Auch die religiöse Bedeutung des Heiligenhäuschens veränderte sich im Laufe der Zeit.

Nach den Erinnerungen älterer Nachbarn war die Kapelle ursprünglich dem heiligen Antonius geweiht. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte der damalige Hinsbecker Pfarrer Arnold Rulands dafür, dass die Gebetsstätte dem heiligen Bonifatius gewidmet wurde.

Seitdem ist sie als Bonifatiuskapelle bekannt.

Über viele Jahre war es vor allem das persönliche Engagement einer Nachbarin, das den kleinen Andachtsort lebendig hielt. Lenchen Sanders kümmerte sich bis zu ihrem Tod im Jahr 1998 um die Kapelle und insbesondere um den Blumenschmuck im Inneren.

Ihr Sohn Willi Sanders schuf das erste dort angebrachte Bild des heiligen Bonifatius. Das heutige Bonifatiusbild stammt vom Hinsbecker Maler Jakob Lückertz.

Die Geschichte der Kapelle besteht damit nicht nur aus Jahreszahlen, Besitzverhältnissen und baulichen Veränderungen. Sie ist auch eine Geschichte von Menschen, die sich über Jahrzehnte hinweg um einen kleinen Ort am Wegesrand gekümmert haben.

Baudenkmal an einer alten Straße

Im Jahr 2001 wurde die Bonifatiuskapelle in die Denkmalliste der Stadt Nettetal aufgenommen.

Beschrieben wird sie als kleine Backsteinkapelle auf rechteckigem Grundriss mit gerundetem Abschluss. Die rundbogige Öffnung ist durch eine verzierte Gittertür verschlossen. Über dem Gebäude befindet sich ein schlichtes Stelldach.

Bemerkenswert ist auch der Standort. Die Kapelle liegt an einer Weggabelung der historisch bedeutsamen Karstraße, die in ihrem weiteren Verlauf auch als Römerstraße bezeichnet wird.

So klein die Kapelle ist, so selbstverständlich gehörte sie über Jahrhunderte zur Kulturlandschaft rund um Hinsbeck.

Als die Bonifatiuskapelle im Gebüsch verschwand

Die Bonifatiuskapelle vor der Sanierung. Foto: Käthe und Bernd Limburg

Mit der Zeit wuchsen die Bäume und Sträucher rund um das Heiligenhäuschen immer dichter. Schließlich waren die Kapelle und die davorstehenden Bänke kaum noch zu erkennen. Aus einem frei stehenden Andachtsort war ein beinahe verborgenes Bauwerk geworden. Wer nicht wusste, dass sich dort eine Kapelle befand, konnte leicht an ihr vorbeigehen.

Im Herbst 2015 entschloss sich die Familie Pasch deshalb zu einer umfangreichen Restaurierung. Ein ortsansässiger Landschaftsbaubetrieb entfernte Bäume und Sträucher und legte das Kapellchen wieder frei. Anschließend wurde das Gebäude vom Maurer Hans Straeten aus Straelen grundlegend saniert.

Auch die Stadt Nettetal beteiligte sich an den Arbeiten. Sie ließ den in städtischem Besitz befindlichen Bereich vor der Kapelle überarbeiten und Bänke aufstellen.

Ein fast vergessener Ort wird wieder sichtbar

Im Oktober 2016 wurde die restaurierte Bonifatiuskapelle im Beisein zahlreicher Anwohner und Besucher von Pfarrer Günter Wiegandt neu eingesegnet.

Damit war aus dem fast vollständig überwucherten Heiligenhäuschen wieder ein sichtbarer Ort in der Landschaft geworden.

Heute lädt die kleine Anlage zum Beten, Innehalten und Verweilen ein. Für Wanderer und Radfahrer ist sie ein ruhiger Rastplatz. Für die Nachbarschaft ist sie ein vertrauter Bestandteil der Umgebung. Und für die Ortsgeschichte ist sie ein Beispiel dafür, dass selbst ein kleines Bauwerk viel über frühere Höfe, Familien, Glauben und das Engagement einzelner Menschen erzählen kann.

Die Bonifatiuskapelle ist kein prächtiges Gotteshaus und kein weithin bekanntes Wahrzeichen. Ihre Geschichte ist leiser. Gerade darin liegt ihr besonderer Reiz: Seit 1747 steht sie an ihrem Platz – manchmal gepflegt und geschmückt, zeitweise beinahe vergessen und schließlich wiederentdeckt.


Quellen und weiterführende Informationen zur Bonifatiuskapelle Hinsbeck

Bildnachweis:

Onlinequellen zuletzt abgerufen am 29. Juli 2026.