Reiterverein Lützow

Reiterverein Lützow

Reiterverein Lützow – Mit fünf Pfählen zum Pferderennen:

Wer im ausgehenden 19. Jahrhundert in Hinsbeck Sport treiben wollte, brauchte weder Turnschuhe noch Kunstrasen. Ein Pferd war deutlich hilfreicher. Am 6. November 1898 gründeten 26 Männer den Reiterverein „Lützow“ Hinsbeck. Zum Präsidenten bestimmten sie Gerhard Josten vom Königshof. Damit war „Lützow“ der erste Sportverein der damaligen Gemeinde – knapp eineinhalb Jahre vor dem 1900 gegründeten Turnverein, aus dem später der VfL Hinsbeck hervorging.

Der Verein bestand, mit Unterbrechungen durch zwei Weltkriege, insgesamt 72 Jahre. In dieser Zeit verwandelten sich die Hinsbecker Höhen regelmäßig in eine Mischung aus Sportplatz, Rennbahn, Volksfest und Wettbüro – inklusive Tribüne, Getränkewagen und einer Organisationsform, bei der jedes Vereinsmitglied seine eigenen Zaunpfähle mitbringen musste.

Reiten mit militärischem Hintergedanken

Reiterverein Lützow

Die Gründung eines Reitervereins war damals nicht nur eine Freizeitangelegenheit. Pferde gehörten noch selbstverständlich zum Alltag in Landwirtschaft, Verkehr und Militär. Entsprechend sollte „Lützow“ zunächst Pferd und Reiter körperlich ertüchtigen – ausdrücklich auch mit Blick auf einen möglichen militärischen Einsatz. Der Name des Vereins passte durchaus in diese Zeit, in der zahlreiche Reitervereine nach dem preußischen Offizier Ludwig von Lützow und seinem berühmten Freikorps benannt wurden.

Was aus heutiger Sicht reichlich martialisch klingt, bedeutete im Vereinsalltag des Reiterverein Lützow aber vor allem: trainieren, Rennen veranstalten und anschließend vermutlich sehr ausführlich darüber sprechen, wer an welcher Stelle besser hätte reiten sollen.

Schon kurz nach der Gründung fanden zu Pfingsten regelmäßig Rennen auf den Hinsbecker Höhen statt. Für das Jahr 1906 sind Trabreiten und Flachrennen überliefert. Dabei wurde fein säuberlich zwischen Kaltblütern und Reitpferden unterschieden. Vermutlich wusste damals jeder Zuschauer sofort, welches Tier in welche Klasse gehörte – schließlich standen Pferde noch nicht als dekorative Freizeitpartner auf einer Weide, sondern arbeiteten täglich auf den Höfen.

Ein Renntag mit einem verstörenden Zwischenfall

Von einem dieser Rennen ist eine Episode überliefert, die zeigt, wie weit die damalige Lebenswirklichkeit von heutigen Sportveranstaltungen entfernt war. Während eines Kaltblüterrennens brach ein Pferd auf der Bahn zusammen und verendete. Metzger zerlegten das Tier noch an Ort und Stelle; Fleisch war wertvoll und durfte nicht verloren gehen. Nach etwa einer halben Stunde wurde das Rennen fortgesetzt.

Die Geschichte sollte nicht als derbe Anekdote verniedlicht werden. Sie verdeutlicht vielmehr, wie selbstverständlich Nutztiere damals als wirtschaftliche Lebensgrundlage betrachtet wurden – und wie wenig Raum für Sentimentalität blieb, wenn ein wertvolles Tier starb.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs kam der Vereinsbetrieb zum Erliegen. Die Pferde wurden für das Militär eingezogen, womit einem Reiterverein auf denkbar direkte Weise die sportliche Grundlage entzogen war. Ohne Pferde blieb selbst dem begeistertsten Vorstand nur noch die theoretische Vereinsarbeit.

Neustart mit Rennbahn, Tribüne und Totalisator

1921 wurde der Verein als Renn- und Reiterverein neu gegründet. Als offizieller Zweck wurde nun die „Förderung der Traberzucht“ angegeben. Die wieder aufgenommenen Renntage bestanden aus bis zu sieben Rennen und zogen Teilnehmer aus Leuth, Wankum, Wachtendonk und Grefrath an. Die Strecken waren zwischen 1.200 und 3.000 Meter lang. Neben Trab- und Flachrennen gab es später auch ein „Krickenbecker Hürdenrennen“, für das Josef Graf von Schaesberg einen Ehrenpokal stiftete.

Die Organisation eines solchen Renntages war eine Gemeinschaftsleistung – und zwar im wörtlichen Sinne. Jedes Mitglied musste fünf Pfähle von jeweils anderthalb Metern Länge mitbringen. Daraus entstanden die Absperrungen rund um Rennplatz und Tribüne. Heute würde man vermutlich zunächst einen Arbeitskreis bilden, eine Ausschreibung erstellen und anschließend feststellen, dass Holzpfähle nicht im Budget vorgesehen sind. Damals erschien man einfach mit fünf Stück.

Der Rennplatz war über zehn Eingänge erreichbar. Kassen standen unter anderem an den Wegen von der Oberstraße, vom Tiefental, von der Trinkhalle am alten Galgenberg, von der Kaiser-Wilhelm-Allee, von Vierlinden und vom Glabbach. Dazu kamen eine Tribüne, ein Getränkewagen, ein Konzert des Musikvereins – und sogar ein Totalisator. Dahinter verbarg sich kein besonders gewissenhafter Schatzmeister, sondern eine Einrichtung zur Annahme und Abrechnung von Pferdewetten. Bei diesem Verfahren werden die Einsätze gesammelt und später unter den Gewinnern verteilt.
Zwischen 500 und 600 Zuschauer sollen die Renntage besucht haben. Für das damalige Hinsbeck war das eine beachtliche Größenordnung. Die Höhen waren an solchen Tagen also kein abgelegener Landschaftspunkt, sondern eine der großen Veranstaltungsflächen der Region.

Mehr als 100 Reiter ziehen durchs Dorf

Einen besonderen Höhepunkt erreichte der Verein 1934 mit der Ausrichtung des Kreisreitturniers. Mehr als 100 Reiter versammelten sich auf dem Hinsbecker Marktplatz und zogen anschließend geschlossen und uniformiert zu den Höhen. Die damalige Presse beschrieb den Zug als imposantes Bild.

Auf dem Programm standen Dressur, Flachrennen, Einspänner-Wagenrennen, Patrouillenspringen, Hürdenrennen und Jagdspringen. Bei Letzterem mussten zehn bis zwölf Hindernisse mit Höhen von bis zu 1,10 Metern überwunden werden. Seit 1931 stand mit Willi Ginkes zudem ein Hinsbecker an der Spitze des Kreisreiterverbandes.

Das Jahr 1934 darf dabei nicht vollständig vom politischen Umfeld der Zeit getrennt werden. Militärische Formen, Uniformierung und geschlossene Aufmärsche besaßen im nationalsozialistischen Deutschland eine weit größere Bedeutung als bloße Vereinsfolklore. Die vorliegenden lokalen Quellen schildern vor allem den sportlichen Ablauf; über die genaue organisatorische und politische Einbindung des Hinsbecker Vereins geben sie jedoch keine ausreichende Auskunft.

Sattelfest – jedenfalls meistens

Bei aller Disziplin auf dem Reitplatz war die Haltung außerhalb der Turniere offenbar gelegentlich weniger straff. Ein Protokolleintrag berichtet von einer „Letsch“, also einem Polterabend, im Glabbach. Dort habe man, so die erstaunlich offene Formulierung, „gesoffen wie kostenlos“.

Die Folgen wurden ebenfalls gewissenhaft dokumentiert: Im Laufe der folgenden Woche hätten sich zwar alle Mitglieder wieder freiwillig zu Hause eingefunden. Einer habe jedoch zunächst in einem Kornfeld geruht, während ein anderer sein Schlafzimmer am nächsten Morgen so verändert vorfand, dass es ihm ganz fremd erschien.

Man kann dem damaligen Schriftführer jedenfalls nicht vorwerfen, die Vereinsgeschichte nachträglich übermäßig geglättet zu haben. Andere Vereine vermerkten vermutlich nur „anschließend gemütliches Beisammensein“. In Hinsbeck wurde genauer protokolliert.

Ein Vorsitzender für ein halbes Jahrhundert

Nach dem Zweiten Weltkrieg trafen sich am 10. März 1947 erneut einige Interessierte, um „Lützow“ wiederzubeleben. Der inzwischen 72-jährige Gerhard Josten erklärte sich bereit, noch einmal für ein Jahr den Vorsitz zu übernehmen. Damit konnte der Verein 1948 nicht nur sein 50-jähriges Bestehen feiern, sondern gleichzeitig Jostens goldenes Vorsitzendenjubiläum.

Ein halbes Jahrhundert an der Spitze eines Vereins ist bemerkenswert. Gerhard Josten hatte „Lützow“ seit der Kaiserzeit begleitet, zwei Weltkriege und mehrere politische Systeme erlebt – und stand nach 1945 wieder zur Verfügung, als sei eine 50-jährige Amtszeit lediglich eine etwas längere Übergangslösung.

Der geplante große Renntag zum Jubiläum musste allerdings wegen der Währungsreform kurzfristig abgesagt werden. Für das Fest selbst fand man eine pragmatische Lösung: Damit ein anständiges Bier ausgeschenkt werden konnte, musste jedes Mitglied vorher 20 Pfund Gerste abliefern.

Das war gewissermaßen Crowdfunding, nur mit Getreide. Und im Unterschied zu mancher modernen Finanzierungskampagne wusste jeder Beteiligte ziemlich genau, in welcher Form die Rendite ausgezahlt werden würde.

Fuchsjagden, Jagdrennen und ein späterer Bürgermeister

Auch sportlich nahm der Verein wieder Fahrt auf. Eine wichtige Rolle spielte der neue Reitlehrer Leo Vriens, der später Bürgermeister von Hinsbeck und Kreistagsabgeordneter wurde. Die Mitglieder nahmen an Turnieren und Fuchsjagden in Leuth, Wankum, Wachtendonk, Grefrath, Lobberich, Breyell, Kaldenkirchen, Waldniel, Straelen und Dülken teil.

Zwischen 1949 und 1954 veranstaltete „Lützow“ erneut Flach-, Trab- und Hindernisrennen, Dressurprüfungen, Jagdspringen und Eignungsprüfungen für Wagenpferde. Hinzu kam ein „Schloss Krickenbecker Jagdrennen“ über 3.000 Meter. Besonders beliebt waren die Fuchsjagden durch Wald und Feld. Dabei wurde üblicherweise kein echter Fuchs verfolgt; vielmehr folgten die Reiter einer zuvor gelegten Spur oder einem vorausreitenden „Fuchs“.

Die Rennbahn auf den Höhen wurde zeitweise sogar für eine ganz andere Form des Pferdestärkens genutzt: Der 1949 gegründete MC Hinsbeck 49 veranstaltete dort seine Motorradrennen. Wo zuvor Kaltblüter, Traber und Reitpferde ihre Runden drehten, knatterten nun Rennmaschinen über das Gelände.

Neue Sicherheitsregeln und das langsame Ende

Ab 1956 konnten die Reit- und Springveranstaltungen nicht mehr fortgeführt werden. Neue Sicherheitsanforderungen der Versicherungen waren für kleinere Vereine kaum zu erfüllen. Damit entfielen ausgerechnet jene Veranstaltungen, die „Lützow“ über Jahrzehnte geprägt und Zuschauer angezogen hatten.

Der Verein trat nun vor allem als Reiterstaffel bei örtlichen Feierlichkeiten auf. Die Reiter begleiteten beispielsweise den Besuch des Bischofs, die Ankunft neuer Kirchenglocken und verschiedene Vereinsjubiläen. Zu goldenen und diamantenen Hochzeiten wurde gelegentlich ein Zweispänner gestellt. Das war repräsentativ und sicherlich gern gesehen – ersetzte aber auf Dauer keinen lebendigen Turnierbetrieb.

Die Zahl der aktiven Mitglieder sank. Im April 1970 zogen der Vorsitzende Heinz Drießen und der Schriftführer Heinz Schmitz-Kasen schließlich die Konsequenz. Nach einem letzten Reiterball im Vereinslokal Josten wurde der Reiterverein „Lützow“ aufgelöst. Seine Geschichte endete nach 72 Jahren dort, wo sie eng verbunden gewesen war: im Umfeld der Familie und Gaststätte Josten.

Was von „Lützow“ geblieben ist

Der Reiterverein „Lützow“ war mehr als ein Zusammenschluss einiger Pferdefreunde. Er war Hinsbecks erster Sportverein, organisierte Veranstaltungen mit mehreren Hundert Besuchern und machte die Hinsbecker Höhen über Jahrzehnte zu einem regionalen Treffpunkt des Reit- und Rennsports.

Seine Geschichte erzählt zugleich vom Wandel des Dorflebens: vom Pferd als Arbeits- und Militärtier zum Sportpartner, von selbstgebauten Rennplatzumzäunungen zu modernen Sicherheitsvorschriften und von der Gerstenumlage fürs Festbier zu einer Zeit, in der Vereinsveranstaltungen längst mit Versicherungen, Genehmigungen und professioneller Infrastruktur geplant werden müssen.

Und sie zeigt, dass Vereinsgeschichte besonders lebendig wird, wenn nicht nur Pokale und Vorsitzende überliefert sind, sondern auch die kleinen Details: zehn Kassenhäuschen, fünf Pfähle pro Mitglied, 20 Pfund Gerste fürs Bier – und ein Vereinsprotokoll, das selbst die vorübergehende Erholung im Kornfeld nicht verschwieg.


Quellen und Hinweise Reiterverein Lützow

Heinz Koch: „Reiterverein ‚Lützow‘ – erster Sportverein Hinsbecks“, Manuskript vom 28. Juli 2024. Die Darstellung beruht offenbar wesentlich auf erhaltenen Vereinsunterlagen und Protokollbüchern.

VfL Hinsbeck: Geschichte des Vereins. Die Website nennt die 2000 veröffentlichte, 230 Seiten umfassende Chronik „Geschichte des Sports in Hinsbeck“, in der auch die Geschichte des Reitervereins und anderer früher Hinsbecker Sportvereine behandelt wird. Sie bestätigt außerdem die Gründung des Turnvereins Hinsbeck im Jahr 1900.
https://vfl-hinsbeck.de/geschichte.html

Hinsbeck-info/Lobberich.de: Übersichtsseite zum Reiterverein „Lützow“ mit historischen Abbildungen. Sie bestätigt den Zeitraum 1898 bis 1970, Gerhard Josten als langjährigen Vorsitzenden, die Rennen und Hürdenläufe sowie die spätere Tätigkeit als Reiterstaffel. Die Seite beruht ebenfalls auf Material beziehungsweise Reproduktionen von Heinz Koch und stellt daher keine vollständig unabhängige Zweitquelle dar.

Hannoverscher Rennverein und Duden: Erläuterungen zur historischen und sprachlichen Bedeutung des „Totalisators“ als Einrichtung beziehungsweise Verfahren für Pferdewetten.
https://www.neuebult.de/service/wetten/totalisator/