Der Motor-Club Hinsbeck 49: Vollgas auf den Hinsbecker Höhen
Motor-Club Hinsbeck 49 | Wer heute an die Hinsbecker Höhen denkt, hat vermutlich Wanderwege, Wald, Weitblick und gelegentlich ein erstaunlich energisches Eichhörnchen vor Augen. Anfang der 1950er-Jahre klang es dort allerdings deutlich anders. Damals knatterten Motorräder über die Rennbahn des Reitervereins, Strohballen dienten als Sicherheitsausstattung und ein Hinsbecker Rennfahrer zeigte, wie weit man mit Mut, Benzin und einer gut gewarteten Maschine kommen konnte.

Mittendrin: der Motor-Club Hinsbeck 49, kurz MC Hinsbeck 49. Der Verein bestand nur wenige Jahre – hinterließ in dieser kurzen Zeit aber mehr als genug Geschichten für ein ganzes Kapitel Hinsbecker Sportgeschichte.
Ein Rennfahrer kommt nach Hinsbeck
Die Geschichte des Vereins ist eng mit Kurt Jäckel verbunden. Der 1908 in Kotzenau in Niederschlesien geborene Kraftfahrzeugmeister und Fahrlehrer kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hinsbeck. Hier übernahm er 1948 den Betrieb von Hans Hüskes an der Ecke der damaligen Straße Bieth – heute Obere Landstraße – und der Grefrather Straße.
Zu dem Betrieb gehörten eine Werkstatt für Fahrräder, Motorräder und Automobile sowie eine der damals noch seltenen handbetriebenen Benzinpumpen. Tanken war zu jener Zeit schließlich noch keine beiläufige Angelegenheit zwischen Brötchenkauf und Autowäsche. Benzin wurde gepumpt, Fahrzeuge wurden repariert – und Motorräder bei Bedarf offenbar gleich renntauglich gemacht.
Jäckel brachte dafür beste Voraussetzungen mit. Bereits vor dem Krieg soll er als Werksfahrer für NSU an internationalen Motorradrennen teilgenommen haben. Auch nach seiner Ankunft in Hinsbeck blieb er dem Rennsport treu. Noch bis in die späten 1950er-Jahre startete er als Privatfahrer auf bekannten Rennstrecken, darunter Assen, Spa, der Hockenheimring und die Berliner AVUS.
1951 eröffnete Jäckel am Marienheim die erste Hinsbecker Aral-Tankstelle. Werkstatt und Fahrschule zogen mit um. Damit gab es in Hinsbeck fortan einen Ort, an dem man tanken, fahren lernen, sein Motorrad reparieren lassen und vermutlich auch ausführlich darüber diskutieren konnte, weshalb die eigene Maschine eigentlich viel schneller wäre, wenn nur der Vergaser richtig eingestellt wäre.
Zwanzig Männer und reichlich Benzin im Blut

Unter den jungen Hinsbeckern fand Jäckel schnell Gleichgesinnte. 1949 gründeten sie den Motor-Club Hinsbeck 49. Jäckel übernahm zunächst den Vorsitz, ehe ihm 1950 Franz Bonzelet folgte. Paul Minnaert wurde zweiter Vorsitzender, Günter Leven Schriftführer und Hans-Theo Schommer Kassierer.
Der Verein zählte ungefähr 20 Mitglieder. Zu ihnen gehörten unter anderem Willi Winkels, Eduard Minnaert, Heinrich Linsen, Rudi Höfels und Heinz Heußen.
Gefahren wurde auf den eigenen Motorrädern. Zum Fuhrpark gehörten Maschinen von DKW, NSU, Triumph und Adler ebenso wie eine Fox 98 oder eine NSU Quick. Die Motorräder waren weder speziell vorbereitete Vereinsmaschinen noch bequem aus einem großen Rennstall geliefert worden. Was am Wochenende über die Strecke jagte, musste am Montag im Zweifel wieder als alltägliches Verkehrsmittel funktionieren.
Das gelang offenbar nicht immer ohne Nacharbeit. Nach Rennen und Geländefahrten kehrten die Motorräder regelmäßig mit kleineren Schäden in Jäckels Werkstatt zurück. Dort wurde geschraubt, gerichtet und repariert – in Handarbeit und vermutlich gelegentlich begleitet von der Feststellung, dass der Fahrer natürlich überhaupt nichts für die verbogene Fußraste könne.
Training auf der Straße nach Herongen
Eine Rennstrecke stand dem Club für das Training nicht dauerhaft zur Verfügung. Deshalb nutzten die Fahrer unter anderem die lange, gerade Betonstraße zwischen Tor 9 und Herongen.
Für Jäckels Rennmaschine war diese Strecke besonders geeignet. Während er beschleunigte, sicherten andere Clubmitglieder die Zufahrten. An beiden Enden wurden Verkehrsteilnehmer angehalten oder vor dem herannahenden Motorrad gewarnt.
Aus heutiger Sicht wäre ein solches Trainingskonzept vermutlich etwas schwierig zu genehmigen. Damals war der Verkehr jedoch überschaubar, die Straße lang und die Begeisterung für den Motorsport offenbar größer als die Sorge vor Formularen.
Nach den Erinnerungen seines Beifahrers und Mechanikers Willi Winkels fuhr Jäckel zunächst eine 250er NSU und später eine englische Rennmaschine mit 350 Kubikzentimetern. Als Kraftstoff soll unter anderem Benzol verwendet worden sein. Auch von außergewöhnlich hohen Spitzengeschwindigkeiten wurde später berichtet. Solche Angaben beruhen allerdings auf persönlichen Erinnerungen und lassen sich heute nicht mehr zweifelsfrei überprüfen.
Rennen auf der Reiterbahn
Die eigentlichen Veranstaltungen des Motor-Clubs fanden auf den Hinsbecker Höhen statt. Als Strecke diente die Rennbahn des Reitervereins Lützow. Wo sonst Pferde ihre Runden drehten, kämpften nun Motorräder um Sekunden, Punkte und Siegerkränze.
Dabei ging es nicht nur um klassische Rennen. Zum Programm gehörten Geschicklichkeitsprüfungen, Hindernisfahrten, Geländewettbewerbe und sogenannte Fuchsjagden. Auch Motorradsprünge wurden gezeigt. Kurt Jäckel soll dabei Weiten von zehn bis zwölf Metern erreicht haben.
Das dürfte beim Publikum Eindruck gemacht haben. Schließlich war ein Motorradsprung Anfang der 1950er-Jahre noch kein beiläufiges Video, das man kurz auf dem Telefon ansah und anschließend wegwischte. Wer dabei sein wollte, musste auf die Hinsbecker Höhen kommen – und kam offenbar zahlreich.
Im Mai 1950 gingen rund 60 Fahrer an den Start. Sie kamen unter anderem aus Hinsbeck, Lobberich, Krefeld, Dülken und Kaldenhausen. Allein aus Wegberg reisten 15 Teilnehmer an. Drei Jahre später waren es bereits etwa 80 Fahrer.
Eine Rennrunde war ungefähr 600 Meter lang. Gefahren wurden fünf Runden. Besonders riskante Stellen sicherte man mit Strohballen ab – eine damals verbreitete Form des Unfallschutzes, die immerhin den Vorteil hatte, nach der Veranstaltung vergleichsweise leicht wieder vom Gelände entfernt werden zu können.
Die Fahrer traten in verschiedenen Hubraumklassen an: 100, 150, 250 und 350 Kubikzentimeter. Zusätzlich gab es Rennen für Motorräder mit Seitenwagen.
Das Hinsbecker Renn-Ass
Der unbestrittene Star der Veranstaltungen war Kurt Jäckel. Seinen Konkurrenten soll er gelegentlich sogar eine ganze Runde Vorsprung eingeräumt haben – und dennoch häufig als Erster ins Ziel gekommen sein.
Ob das sportliche Großzügigkeit, großes Selbstvertrauen oder eine besonders wirkungsvolle Art der Unterhaltung war, lässt sich heute nicht mehr klären. Für das Publikum dürfte es jedenfalls spannend gewesen sein.
Zwischen 400 und 500 Zuschauer kamen zu den einzelnen Veranstaltungen. Beim ersten Meisterschaftslauf der später gegründeten Interessengemeinschaft Motorfreunde Grenzland sollen sogar etwa 2.500 Menschen die Strecke gesäumt haben.
Diese Interessengemeinschaft entstand im September 1952. In ihr schlossen sich Motorsportvereine aus Kempen, Oedt, Süchteln, Dülken, Hinsbeck, Lobberich und Wegberg zusammen. Ein Jahr später fand auf den Hinsbecker Höhen ein gemeinsamer Meisterschaftslauf statt.
Zeitgenössische Berichte feierten Jäckel als Hinsbecker Renn-Ass. Seine Fahrweise wurde als souverän und spektakulär beschrieben. Am Ende nahm er offenbar regelmäßig große Siegerkränze mit nach Hause – vermutlich zur Freude des Fahrers und zur Herausforderung aller, die in Werkstatt oder Wohnzimmer noch einen geeigneten Platz dafür finden mussten.
Trotz der hohen Geschwindigkeiten und der vergleichsweise einfachen Streckensicherung sind aus den Berichten keine schweren Unfälle bekannt.
Motor-Club Hinsbeck 49 – Ein schnelles Ende
So rasant der Motor-Club begonnen hatte, so bald verschwand er wieder. Motorsport war teuer. Die Mitglieder mussten ihre Maschinen selbst anschaffen, warten und nach den Wettbewerben reparieren lassen. Für viele blieb das Hobby deshalb nur für begrenzte Zeit erschwinglich.
1954 kam schließlich das endgültige Aus. Motorradrennen auf der Hinsbecker Heide wurden aus Gründen des Naturschutzes untersagt. Eine andere geeignete Strecke stand dem Club nicht zur Verfügung.
Damit verlor der MC Hinsbeck 49 seine sportliche Grundlage. Nur fünf Jahre nach seiner Gründung löste sich der Verein wieder auf.
Fünf Jahre, die man hörte
Der Motor-Club Hinsbeck 49 war kein Verein mit jahrzehntelanger Geschichte, eigenem Clubheim und sauber gefülltem Aktenarchiv. Er war ein Kind seiner Zeit: gegründet in den Jahren des Wiederaufbaus, getragen von Technikbegeisterung, Improvisation und der Freude an Geschwindigkeit.
Für einige Jahre verwandelten die Mitglieder die Hinsbecker Höhen in eine Motorsportarena. Hunderte Zuschauer kamen, Fahrer aus der ganzen Region gingen an den Start und Kurt Jäckel wurde zum gefeierten Lokalmatador.
Dann kehrte wieder Ruhe ein.
Doch wer weiß: Vielleicht lässt sich an einem stillen Tag auf den Höhen noch erahnen, wie es damals geklungen haben muss – kurz bevor eine Rennmaschine über die nächste Kuppe schoss und irgendwo ein Strohballen hoffte, dass er an diesem Nachmittag nicht gebraucht würde.
Quellenhinweis:
Grundlage dieses Beitrags ist ein historischer Bericht von Heinz Koch vom 10. August 2024. Darin dokumentiert er die Geschichte des Motor-Clubs Hinsbeck 49 auf Basis eigener heimatgeschichtlicher Recherchen und überlieferter Erinnerungen ehemaliger Beteiligter.
