Hinsbecker Friedhofskapelle

Die Hinsbecker Friedhofskapelle

Die Hinsbecker Friedhofskapelle – vom „Bet-Tempelchen“ zur Priestergrablege

Sie ist klein, weiß verputzt und wirkt auf den ersten Blick beinahe unscheinbar. Doch unter dem Boden der Hinsbecker Friedhofskapelle ruhen sieben Geistliche, die dort teilweise erst nach mehreren Umbettungen ihre letzte Ruhestätte fanden. Auch das Gebäude selbst hat sich im Laufe seiner mehr als 180-jährigen Geschichte stark verändert: Aus einem offenen Andachtsort wurde eine geschlossene Leichenhalle und schließlich ein geschütztes Baudenkmal.

Standort:
Friedhof Hinsbeck
Wankumer Straße 12
41334 Nettetal-Hinsbeck

Baujahr: 1843
Glasfenster: 1965, gestaltet von Johannes Beeck
Denkmalschutz: Seit 2012
Heutige Nutzung: Aufbahrungsraum des Hinsbecker Friedhofs

Ein „Bet-Tempelchen“ für den neuen Friedhof

Der heutige Hinsbecker Friedhof wurde 1840 eröffnet. Bis dahin bestattete man die Verstorbenen auf dem Kirchhof rund um die damalige Pfarrkirche St. Peter, den Vorgängerbau der heutigen Kirche.

Der neue Friedhof war zunächst deutlich kleiner als heute. Er reichte nur bis zur ersten Grabreihe hinter der späteren Kapelle, war größtenteils von einer Mauer umgeben und konnte durch ein Tor neben der damaligen Knabenschule betreten werden.

Schon drei Jahre nach der Eröffnung wünschte sich die Bevölkerung einen Ort, an dem gebetet und Abschied genommen werden konnte. So entstand 1843 das sogenannte „Bet-Tempelchen“.

Der Name beschrieb das kleine Bauwerk recht treffend: Es handelte sich um einen sechseckigen, verputzten Zentralbau, der an drei Seiten durch spitzbogige Öffnungen zugänglich war. Von einer geschlossenen Kapelle, wie wir sie heute kennen, konnte also noch keine Rede sein. Die zugemauerten Bögen lassen sich an der Fassade noch immer erkennen.

Im Jahr 1848 wurde an der Rückseite ein in den historischen Unterlagen als „Christusbild in Guß“ bezeichnetes Bildnis angebracht.

Eine Gruft ohne Eingang

Das Bet-Tempelchen war nicht nur ein Ort des Gebets. Unter seinem Boden wurde zugleich eine Gruft für die Hinsbecker Geistlichen angelegt.

Bei deren Planung hatte man allerdings auf einen von außen erreichbaren Zugang verzichtet. Sollte ein Priester beigesetzt werden, musste deshalb jedes Mal der Boden im Inneren der Kapelle aufgeschlagen werden. Erst danach konnte der Sarg in die darunterliegende Gruft hinabgelassen werden.

Beigesetzt wurden dort zunächst die Hinsbecker Pfarrer:

  • Mathias Josten, Pfarrer von 1838 bis 1858,
  • Florenz Tönsing, Pfarrer von 1858 bis 1871,
  • Heinrich Hennigmann, Pfarrer von 1885 bis 1898.

Hinzu kam 1871 Kaplan Friedrich Wilhelm Berkes. Er stammte aus Hinsbeck, war von 1858 bis 1870 Kaplan in St. Tönis und starb später in seinem Heimatort.

Der umständliche Zugang dürfte einer der Gründe gewesen sein, warum die Gruft schließlich nicht mehr für weitere Priesterbestattungen genutzt wurde.

Eine neue Priestergruft – und die ersten Umbettungen

Im Jahr 1903 ließ Pfarrer Dr. Bernhard Ansems eine neue Grabstätte für die Hinsbecker Geistlichkeit anlegen. Sie befand sich dort, wo heute die Begräbnisstätte der Schwestern des früheren Kreis-Altenheims auf Schloss Krickenbeck liegt.

Zu der neuen Priestergruft gehörte ein Denkmal des Krefelder Bildhauers Heinrich Nolden.

Auch zwei bereits verstorbene Geistliche wurden dorthin umgebettet: die Kapläne Heinrich Westerfeld, gestorben 1899, und Ludwig Moosmann, gestorben 1892. Nach seinem Tod im Jahr 1919 wurde auch Pfarrer Dr. Ansems in der neuen Gruft beigesetzt.

Damit schien die Frage nach dem künftigen Begräbnisplatz der Hinsbecker Priester zunächst geklärt. Ansems’ Nachfolger entwickelte jedoch einen neuen Plan.

Der Kalvarienberg am damaligen Ende des Friedhofs

Friedhofskapelle Hinsbeck Kalvarienberg
Kalvarienberg auf dem Hinsbecker Friedhof

Pfarrer Joseph Arians, der von 1919 bis 1949 in Hinsbeck wirkte, plante am damaligen Ende des Friedhofs einen sogenannten Kalvarienberg.

Ein Kalvarienberg erinnert an Golgota, die biblische Kreuzigungsstätte Jesu. Typischerweise wird diese durch drei Kreuze dargestellt: das Kreuz Christi in der Mitte und die Kreuze der beiden mit ihm hingerichteten Männer zu beiden Seiten.

Für eine solche Anlage bot der Hinsbecker Friedhof eine eindrucksvolle natürliche Kulisse. Er umfasste damals die gesamte untere Ebene. Am Fuß des steilen Hangs, der heute den älteren unteren vom neueren oberen Friedhofsteil trennt, sollten die drei Kreuze stehen. Dort waren zugleich weitere Gruften für die Hinsbecker Priester vorgesehen.

Arians wurde 1949 an dieser Stelle beigesetzt, blieb dort jedoch der einzige Geistliche. Die von ihm geplanten Kreuze standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst im November 1952 ließ sein Bruder, der Bürgermeister der Gemeinde Hassum war, die drei großen Kreuze aufstellen.

Sie sind bis heute am Fuß des Hangs zu sehen und erinnern daran, dass hier einst das obere Ende des Friedhofs lag. Die heutige obere Terrasse wurde erst später als Friedhof erschlossen. Die Stadt Nettetal bezeichnet sie ausdrücklich als den neueren Friedhofsteil.

Vom offenen Tempelchen zur geschlossenen Leichenhalle

Eine grundlegende Veränderung erfuhr das Gebäude im Jahr 1960. Das bisher offene Bet-Tempelchen wurde geschlossen und zu einer Leichenhalle umgebaut.

Die drei Spitzbogenöffnungen wurden zugemauert. Gleichzeitig entstanden die zweiflügelige Holztür, die Stufen, der heutige Fußboden und Teile der Bedachung. Trotz dieser Veränderungen blieb die ursprüngliche Form des sechseckigen Gebäudes erkennbar.

Bei dem Umbau entfernte man auch die einzelnen Namensplaketten der in der Kapellengruft beigesetzten Geistlichen. An ihre Stelle trat eine schwarze Schiefertafel an der inneren Rückwand. Sie zeigt eine Christusdarstellung und nennt die Namen der dort bestatteten Priester und Kapläne.

Die Glasfenster von Johannes Beeck

Im Jahr 1965 erhielt die Kapelle zwei farbige Glasfenster des Hinsbecker Künstlers Johannes Beeck. Sie wurden in zwei der früheren Spitzbogenöffnungen eingesetzt und zeigen die Apokalyptischen Reiter.

Die ausdrucksstarken Fenster bilden einen deutlichen Kontrast zu dem schlichten weißen Baukörper. Sie gehören heute zu den künstlerisch besonders bedeutenden Teilen der Kapelle und spielten später auch bei ihrer Bewertung als Baudenkmal eine wichtige Rolle.

Drei Geistliche kehren unter die Kapelle zurück

Im Zusammenhang mit dem Umbau wurden auch die Gebeine von Pfarrer Dr. Bernhard Ansems sowie der Kapläne Heinrich Westerfeld und Ludwig Moosmann aus der 1903 angelegten Gruft in die Gruft unter der Friedhofskapelle umgebettet.

Die bisherige Priestergruft von 1903 erhielt anschließend eine neue Aufgabe: Sie wurde den verstorbenen Katharinenschwestern von Schloss Krickenbeck als Begräbnisstätte zur Verfügung gestellt.

Unter dem Kapellenboden ruhten nun sieben Geistliche:

  • Mathias Josten,
  • Florenz Tönsing,
  • Heinrich Hennigmann,
  • Friedrich Wilhelm Berkes,
  • Bernhard Ansems,
  • Heinrich Westerfeld,
  • Ludwig Moosmann.

Seit der Umbettung im Jahr 1960 wurde die Gruft nicht mehr geöffnet.

Noch eine Priestergruft

Ganz beendet war die Geschichte der Hinsbecker Priestergräber damit allerdings noch nicht.

Im Jahr 1985 wurde unmittelbar neben der Hinsbecker Friedhofskapelle eine weitere Priestergruft angelegt. Auch das von Heinrich Nolden geschaffene Denkmal der Grabstätte von 1903 wurde an diesen neuen Standort versetzt.

Pfarrer Joseph Arians wurde vom Kalvarienberg in die neue Gruft umgebettet. Dort fanden später außerdem Pfarrer Arnold Rulands, der von 1949 bis 1973 in Hinsbeck wirkte, und Pfarrer Ferdinand Landen, Pfarrer von 1973 bis 1998, ihre letzte Ruhestätte.

Innerhalb weniger Jahrzehnte hatten die Hinsbecker Geistlichen damit an mehreren Stellen des Friedhofs ihre Grabstätten: unter der Kapelle, in der 1903 angelegten Gruft, am Kalvarienberg und schließlich unmittelbar neben dem Kapellengebäude.

Seit 2012 ein geschütztes Baudenkmal

Auf Anregung des Heimatforschers Hans Kohnen und des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Hinsbeck wurde die Friedhofskapelle am 20. September 2012 in die Denkmalliste der Stadt Nettetal eingetragen.

Das LVR-Amt für Denkmalpflege würdigte besonders den typologisch interessanten sechseckigen Bau von 1843, die noch ablesbaren Öffnungen des früheren Bet-Tempelchens sowie die qualitätvolle Umgestaltung der 1960er-Jahre mit den Fenstern von Johannes Beeck, der Schiefertafel und dem schlichten Holzportal.

Die Kapelle sei sowohl für die Architektur- und Ortsgeschichte als auch aus künstlerischen Gründen von Bedeutung.

Bis heute ein Ort des Abschieds

Die Friedhofskapelle ist nicht nur ein Denkmal. Sie wird bis heute als Aufbahrungsraum genutzt und erfüllt damit weiterhin die Aufgabe, für die das Bet-Tempelchen bereits 1843 errichtet wurde: den Menschen einen Ort für Abschied, Besinnung und Erinnerung zu geben.

Wer die kleine Kapelle heute betrachtet, sieht deshalb weit mehr als ein weiß verputztes Gebäude. Unter ihrem Boden liegt eine seit 1960 verschlossene Gruft. In ihren Wänden zeichnen sich noch die Bögen des früheren offenen Tempelchens ab. Die Glasfenster erzählen in kräftigen Bildern von Tod und Vergänglichkeit, während wenige Schritte entfernt die jüngere Priestergruft liegt.

Auch an anderen Stellen des Friedhofs wird die Geschichte Hinsbecks sichtbar. Dazu gehören die Gräber der Menschen, die infolge der beiden Weltkriege ums Leben kamen. Mehr darüber berichtet unser Beitrag über die Kriegsgräber in Hinsbeck.

So ist die Hinsbecker Friedhofskapelle bis heute zugleich Gebetsort, Leichenhalle, Priestergrablege, Kunstwerk und Geschichtszeugnis – ein kleines Gebäude, in dem sich mehr als 180 Jahre Hinsbecker Erinnerungskultur verdichten.


Quellen und weiterführende Hinweise

Die Darstellung basiert vor allem auf dem Beitrag „Die Hinsbecker Friedhofskapelle“ von Heinz Koch. Darin werden die Entstehung des Friedhofs und des „Bet-Tempelchens“, die verschiedenen Priestergrüfte, die Umbettungen sowie der Umbau der Kapelle im Jahr 1960 ausführlich beschrieben. Ergänzende Angaben zur Bauform, zu den Glasfenstern von Johannes Beeck und zur Bedeutung des Gebäudes stammen aus den Unterlagen zur Eintragung der Friedhofskapelle in die Denkmalliste der Stadt Nettetal. Weitere Informationen zur heutigen Gliederung und Nutzung des Friedhofs bietet die offizielle Friedhofsbeschreibung der Stadt Nettetal.

Verwendete Quellen:

  • Heinz Koch: Die Hinsbecker Friedhofskapelle, Manuskript vom 22. Oktober 2023
  • Stadt Nettetal, Ratsinformationssystem: Eintragung der Friedhofskapelle Hinsbeck in die Denkmalliste, Sitzungsvorlage 1335/2009–14
  • Stadt Nettetal: Friedhof Hinsbeck, offizielle Beschreibung des Friedhofs
  • VVV Hinsbeck: Kriegsgräber in Hinsbeck
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