Friends of British Royalty – German Section (1995 – 2025)
Man muss nicht bis nach London reisen, um einem echten Gentleman mit Melone, dunklem Anzug und weinroter Samtschärpe zu begegnen. Über viele Jahre genügte dafür ein Spaziergang hinauf zur Stammenmühle. Dort, unter der Kuppel des Hinsbecker Wahrzeichens, befand sich eine der ungewöhnlichsten Außenstellen britischer Lebensart auf dem europäischen Festland: die Friends of British Royalty – German Section.
Der Club war Königshausverehrung, Gentlemen-Runde, Kulturinitiative und augenzwinkerndes Gesamtkunstwerk zugleich. Und obwohl manches auf den ersten Blick wie eine hervorragend organisierte Persiflage wirken mochte, nahmen seine Mitglieder eines durchaus ernst: Höflichkeit, Gesprächskultur, Verlässlichkeit und die besondere historische Verbindung zwischen der Stammenmühle und Queen Elizabeth II.
Wie die Queen nach Hinsbeck kam
Die Geschichte beginnt lange vor der Vereinsgründung. Am 2. Juni 1953 wurde Elizabeth II. in der Westminster Abbey zur Königin gekrönt. Damit die Bilder der Zeremonie auch das westdeutsche Fernsehen erreichen konnten, wurde in der Stammenmühle eine Relaisstation eingerichtet. Ihre exponierte Lage auf rund 88 Metern Höhe machte die Mühle zu einem geeigneten Punkt für die Weiterleitung des Fernsehsignals in Richtung Köln.
Ausgerechnet eine alte Windmühle am Niederrhein half also dabei, die Krönung der britischen Monarchin auf deutsche Bildschirme zu bringen. Die Stammenmühle mahlte zu diesem Zeitpunkt längst kein Korn mehr – dafür schrieb sie ein kleines Kapitel Fernsehgeschichte.
Als Anne und Bernhard Zanders die Mühle Mitte der 1990er-Jahre grundlegend restaurierten und darin unter anderem eine Geigenbauwerkstatt einrichteten, stieß Bernhard Zanders auf diese bemerkenswerte Episode. Die obere Ebene der Mühle, auf der sich einst die Relaistechnik befunden hatte, sollte deshalb nicht einfach irgendein Raum werden. An einem Ort, der die Krönung übertragen hatte, musste nach seiner Auffassung etwas entschieden Britisches entstehen.
Fünf Herren und eine ziemlich gute Idee
1995 fanden sich fünf Herren zusammen und gründeten die Friends of British Royalty – German Section. Ihr ebenso selbstbewusstes wie augenzwinkerndes Motto lautete sinngemäß: von Hinsbeck aus über den ganzen Kontinent.
Bernhard Zanders hatte schon als Jugendlicher Gefallen an Phileas Fogg gefunden, dem kultivierten und beneidenswert gelassenen Protagonisten aus Jules Vernes Roman In 80 Tagen um die Welt. Fogg verkehrte in einem Londoner Gentlemen’s Club, diskutierte mit Haltung und ließ sich selbst von einer Reise um den Globus nur begrenzt aus der Ruhe bringen. Diese Mischung aus Eleganz, Understatement und gepflegtem Gespräch sollte auch in der Stammenmühle heimisch werden. Also kam ein Porträt der Queen an die Wand – und einige Freunde aus Hinsbeck wurden gefragt, ob sie Gentlemen werden wollten. Eine Handvoll sagte zu.
Der Clubraum entwickelte sich zu einer kleinen britischen Welt. Dort hingen der Union Jack, große Porträts der Queen und des damaligen Prinzen Charles, eine Karte des British Empire und ein Schreiben der Queen Mum, mit dem sie sich für die Glückwünsche zu ihrem 100. Geburtstag bedankt hatte. Dazu kamen schwere Kristallgläser, Bücher, Erinnerungsstücke und genügend royale Devotionalien, um vorübergehend vergessen zu lassen, dass draußen nicht die Themse, sondern der niederrheinische Wind an der Mühle vorbeizog.
Kein Stammtisch – ausdrücklich nicht
Die Friends wollten jedoch nicht einfach in Verkleidung zusammensitzen und Whisky trinken. Sie verstanden ihren Club als Gegenentwurf zum gewöhnlichen Stammtisch.
Alle zwei Wochen trafen sich die Mitglieder montags in der Mühle. Gesprächsthemen wurden vorbereitet, Alkohol nur in Maßen getrunken und Meinungen sollten begründet werden. Berufliche Geschäfte hatten im Club ebenso wenig verloren wie endlose Klagen über den Alltag. Diskutiert wurde über das britische Königshaus, Politik, gesellschaftliche Entwicklungen, den Brexit, die Energiewende oder die Frage, wie sich Großbritannien und Europa gerade wieder einmal miteinander vertrugen – oder eben nicht.
Besonders wichtig war die sogenannte britische Emotionslosigkeit. Die vereinseigene Programmatik schloss Gespräche über Frauen, Autos, Fußball und ein weiteres Thema aus, das taktvoll ungenannt blieb. Sollte eine Debatte dennoch aus dem Ruder laufen, kam die Charles-und-Diana-Glocke zum Einsatz. Ein kurzes Bimmeln signalisierte, dass nun wieder etwas mehr Windsor und etwas weniger Wirtshaus gefragt war.
Vor Beginn des eigentlichen Clubabends vollzog sich ein festes Ritual. Der Butler erschien im Frack und mit weißen Handschuhen, füllte die Gläser und die Gentlemen erhoben sich zum Toast auf die Königin. Wie man diesen korrekt ausbrachte, hatten sie sich von einem ehemaligen Angehörigen der Royal Air Force erklären lassen. Aus einem Hinsbecker Freundeskreis war damit endgültig eine Institution mit eigenem Zeremoniell geworden.
Intern blieb die Runde nach dem Vorbild klassischer Gentlemen’s Clubs Männern vorbehalten. Bei öffentlichen Feiern und besonderen Tea Times waren selbstverständlich auch Frauen zu Gast. Das Konzept wirkte bereits damals bewusst altmodisch – und lebte gerade von diesem Kontrast zwischen strenger Etikette und sichtbarer Selbstironie.
Vom Hinsbecker Mühlenberg in die schottischen Highlands
Auch beim gesellschaftlichen Rang überließen die Friends möglichst wenig dem Zufall. Mehrere Mitglieder erwarben winzige Grundstücksanteile in Schottland und bezeichneten sich fortan als Lairds of Glencairn. Die Ländereien waren so überschaubar, dass man darauf abhängig von der Schuhgröße kaum vollständig stehen konnte. Für die passende Anrede und eine eindrucksvolle Schärpe reichte es den Gentlemen jedoch allemal.
Aus Bernhard, Bastian oder Erhard wurden bei offiziellen Anlässen daher Laird Bernhard, Laird Bastian und Laird Erhard. Niemand dürfte ernsthaft geglaubt haben, dadurch in den britischen Hochadel aufgenommen worden zu sein. Aber es passte hervorragend zu einem Club, der seine Rituale ernst nahm, ohne sich selbst dabei vollkommen ernst zu nehmen.
Einen kleinen Konflikt mit der heimischen Obrigkeit gab es dennoch. Am Hinsbecker Vereinsbaum waren die Wappen der örtlichen Vereine versammelt – nur das der Friends fehlte. Offenbar galt britische Gentleman-Kultur zunächst nicht als hinreichend niederrheinisches Brauchtum. Der Club reagierte angemessen zurückhaltend: Er lud den WDR ein und ließ einen Dudelsackspieler vor dem Rathaus spielen, bis die Angelegenheit Bewegung bekam. Schließlich erhielt auch das Clubwappen seinen Platz am Vereinsbaum.
Als Hinsbeck zur königlichen Festmeile wurde
Die Friends blieben nicht unter der Mühlenkuppel. Besonders die Geburtstage und Jubiläen der Queen boten ausreichend Anlass, britische Kultur ins Bergdorf zu tragen.
1997 veranstalteten sie ihre erste Parade zu Ehren der Königin. Anfangs sollen gerade einmal rund ein Dutzend Neugierige am Straßenrand gestanden haben. Doch die Veranstaltungen wurden größer und professioneller. Es folgten weitere Paraden, Highland Games, Musikveranstaltungen, Tea Times und Lesungen rund um die Windsors. Der Dudelsack gehörte dabei ebenso selbstverständlich zum Programm wie der Union Jack und die roten Schärpen der Clubmitglieder.
Zum 80. Geburtstag der Queen im Jahr 2006 verwandelte sich Hinsbeck endgültig in eine königliche Außenstelle. Rund 200 Gäste verfolgten zunächst ein Platzkonzert auf dem Kirmesplatz. Anschließend zog ein Festzug mit Musik und britischen Fähnchen durch den Ort hinauf zur Stammenmühle. Sogar der WDR berichtete live. Was 1997 mit wenigen Zuschauern begonnen hatte, war zu einem Ereignis geworden, das weit über Hinsbeck hinaus Aufmerksamkeit erzeugte.
Auch kulturell beschränkte sich der Club nicht auf Geburtstagsfeiern. 2007 lud er den Journalisten und Windsor-Biografen Tom Levine zu einer Lesung in den Konzertsaal der Stammenmühle ein – natürlich begleitet von Dudelsackklängen. Bei Besuchen aus der englischen Nettetaler Partnerregion Fenland servierten die Friends Tea, Scones und Clotted Cream und stellten dabei unter Beweis, dass man am Niederrhein durchaus wusste, wie eine britische Teestunde auszusehen hatte.
Mit Melone nach London und Berlin
Wer sich „German Section“ nennt, darf sich selbstverständlich nicht dauerhaft auf Hinsbeck beschränken. Die Friends reisten mehrfach nach Großbritannien und zu royalen Ereignissen.
2002 führte eine Fahrt zum goldenen Thronjubiläum der Queen nach London; der WDR begleitete die Gruppe. 2004 machten sich die Gentlemen auf den Weg nach Berlin, als Elizabeth II. Deutschland besuchte. Mit dabei waren ihr Club-Piper Axel Römer sowie Kamerateams von ZDF und WDR. Der Dudelsackspieler brachte der Queen während ihres Besuchs sogar ein Ständchen dar. Weitere Reisen führten unter anderem zur Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton im Jahr 2011.
Die Bilder der Herren mit Melone und Schärpe sorgten regelmäßig für Medieninteresse. Auf den ersten Blick mochten sie wie besonders entschlossene Komparsen einer britischen Filmproduktion wirken. Doch hinter der sichtbaren Inszenierung stand eine ernst gemeinte Begeisterung für das Vereinigte Königreich und für persönliche Begegnungen. Gerade während des Brexits betonten die Mitglieder ihre europäische Haltung und hielten an den Verbindungen nach Großbritannien fest.
Friends of British Royalty nehmen Abschied von Queen Elizabeth II.
Zum 70. Thronjubiläum Elizabeths II. entstand 2022 nahe der Mühle eine Gedenkstele. Der Weg dorthin erhielt den passenden Namen Windsorlane. Damit wurde die Verbindung zwischen der Queen, der Fernsehübertragung von 1953 und der Stammenmühle dauerhaft im Gelände sichtbar.
Nach dem Tod der Königin im September 2022 versammelten sich die acht Clubmitglieder in schwarzen Anzügen, mit Melonen und roten Schärpen an der Mühle. Begleitet von einem Dudelsackspieler zogen sie schweigend zur Gedenkstele und legten einen Kranz nieder. Es war einer jener seltenen Momente, in denen die sonst sorgsam gepflegte britische Zurückhaltung einer echten Trauer wich.
Clubgründer Bernhard Zanders erklärte anschließend, dass die Friends auch unter König Charles III. weitermachen wollten. Schließlich habe man sich nicht allein der Person Elizabeths II., sondern den Tugenden des britischen Gentleman verschrieben: Höflichkeit, Offenheit und Zuverlässigkeit.

Mehr als eine royale Kuriosität
Die Friends of British Royalty waren zweifellos ungewöhnlich. Aber gerade deshalb gehören sie zur Geschichte Hinsbecks.
Sie nahmen eine historische Randnotiz – die Relaisstation von 1953 – und machten daraus ein Stück gelebte Ortskultur. Sie brachten Dudelsäcke, Highland Games, königliche Paraden und britische Teestunden ins Bergdorf. Sie reisten nach London und Berlin, erschienen im Fernsehen und sorgten dafür, dass der Name Hinsbeck zeitweise in Berichten über das britische Königshaus auftauchte.
Vor allem aber bewiesen sie, dass Tradition nicht immer Jahrhunderte alt sein muss. Manchmal genügt eine gute Geschichte, ein passender Ort, eine Handvoll engagierter Menschen und die Entschlossenheit, eine Melone auch bei niederrheinischem Wetter mit Haltung zu tragen.
Und vielleicht ist genau das die britischste Erkenntnis aus drei Jahrzehnten Clubgeschichte: Eine Tradition beginnt in dem Moment, in dem jemand sie erfindet – und sie anschließend lange genug mit Stil wiederholt.
Friends of British Royalty | Quellen und weiterführende Informationen
- Friends of British Royalty – German Section: Ehemalige offizielle Internetseite des Clubs
royaltyfriends.de - Friends of British Royalty: „Was wir wollen“ – Selbstdarstellung, Ziele und Regeln des Clubs
royaltyfriends.de/wir/wir.htm - Förderverein Stammenmühle: Geschichte der Stammenmühle, Relaisstation zur Krönungsübertragung von 1953 und Gründung der Friends of British Royalty
stammenmuehle.de/Historie-Links - taz, 21. März 2020: „Stammtisch ohne Gehabe“ – ausführlicher Hausbesuch bei Bernhard Zanders und den Friends of British Royalty
taz.de/Der-Hausbesuch - WELT, 19. September 2022: „Die Friends of British Royalty nehmen Abschied von der Queen“ – Bericht über die Trauerfeier an der Stammenmühle
welt.de – Trauerfeier für die Queen - WELT, 27. April 2011: „Alles britisch, oder was?“ – Bericht über den Hinsbecker Gentlemen-Club und die Reise zur Hochzeit von William und Catherine
welt.de – Alles britisch, oder was? - Sound of Scotland: Referenzen des langjährigen Club-Pipers Axel Römer, darunter Reisen und Auftritte mit den Friends in London, Berlin und Hinsbeck
sound-of-scotland.de/referenzen - Youtube Kanal des Vereins
https://www.youtube.com/channel/UCJguY5JQ9LQEW2LYAtxUxWw/videos

